Inspektor Sklensky: Harte Zeiten

Wien, Mitte Mai 2020, mitten in der Corona-Krise, mitten am Vormittag

Mitten im sechzehnten Bezirk

Genau gleichzeitig mit Dr. Herbert Übel traf Inspektor Johannes Sklensky von der Sonderkommission für Verbrechen in Druckereien bei der Druckerei Schlimmer in Wien ein. Während Sklensky den Gerichtsmediziner in gebührendem Abstand begrüßte, eilte eine weitere Person von der anderen Straßenseite herbei. Sklensky erkannte seinen Freund, den Gewerkschafter Robert Rath, auch an seiner auffallend roten Maske.

„Was machst du denn hier?“, fragte Sklensky überrascht. Robert Rath war Betriebsrat in einer Wiener Druckerei und hatte ihm schon bei einigen Kriminalfällen geholfen.

„Ich bin ja bei der Gewerkschaft nicht nur für die Drucker zuständig, sondern seit kurzem nebenbei auch hier Bezirkssekretär“, erläuterte Rath. „Und wie geht’s denn so im Bezirk?“, fragte Sklensky. „Es ist ziemlich schlimm. Gestern hab ich mit einer Sexarbeiterin hier geredet. Die hat mir erzählt: Sie wird im Moment von so vielen Kunden angerufen. aber sie muss allen absagen. Weil sie hält sich ja an die Regeln.

„Jaja“, sagte Sklensky spöttisch.

„Nein, wirklich“, empörte sich Robert Rath. „Der Härtefallfond bringt hier fast gar nichts.“

„Aber warum bietet deine Nutte nicht Telefonsex an oder Videochats? Das geht doch heute schon bei den meisten Leuten ganz gut. Wir haben ja auch Skype-Meetings im Ministerium.“

„Die Digitalisierung ist anscheinend noch nicht in allen Branchen angekommen“, meinte Rath.

„Können wir vielleicht bitte zur Sache kommen?“, zischte Übel sie nun schlecht gelaunt an, „ich hab schließlich nicht den ganzen Tag Zeit!“ Sklensky kannte auch Übel schon seit vielen Jahren, die negative Grundstimmung des Mediziners war legendar; doch Übel war ein Meister beim Identifizieren von Todesursachen.

Gemeinsam betraten sie die Druckerei Schlimmer.

Analoge Drucke für digitale Geschäftsmodelle

Sklensky zeigte den Dienstausweis. „Ich komme her, weil hier ein Drucker tot aufgefunden worden ist. Ich soll die Sache untersuchen.“

Der Druckereibesitzer Herbert Schlimmer führte sie zum Tatort, direkt neben eine Druckmaschine. Er war eine kleine Gestalt mit einem verknitterten Gesicht. Aber er hatte trotz des Todesfalls den Anflug eines spitzbübischen Lächelns auf dem Gesicht. „Der Josie hat seit einiger Zeit die Nachtschicht übernommen. Heute morgen haben wir genau hier tot aufgefunden.“

Unter einer Menge von Druckbögen lag offensichtlich eine menschliche Gestalt. „Sehr schön“, freute sich Mediziner Übel, „da hat ja gottseidank noch keiner hingegriffen. Bitte treten Sie zurück, meine Herren, ich werde erst einmal die Leiche untersuchen.“

Sklensky wendete sich vorsorglich ab, denn er konnte kein Blut sehen. Doch bevor Übel loslegen konnte, pfiff Robert Rath durch die Zähne, denn er hat einen Druckbogen vom Boden aufgehoben: „Na seavas, das ist ja ziemlich scharf.“ Er hielt Sklensky eine Abbildung vor das Gesicht, die ein Pärchen beim Sex in ziemlich akrobatischer Haltung zeigte. Die beiden waren nur mit einer Maske bekleidet. Der Bogen war voll mit solchen Abbildungen.

„Das ist ja fast wie der Playboy“, sagte Sklensky.

„Der Playboy ist eine Schülerzeitschrift im Vergleich zu den Sachen, die wir hier zeigen,“ lächelte Druckereibesitzer Schlimmer. „Ich habe in der Coronakrise ein neues Geschäftsmodell entwickelt und versende frisch gedruckte Porno-Heftln diskret über einen Internet-Shop.“

„Das geht heute noch?“, fragte Sklensky.

Der Druckereibesitzer lächelte. „Das funktioniert heute eben wieder. Wir kommen zurück zu den Ursprüngen. Früher gab es Erotik sowieso nur echt oder gedruckt. Und die Leute wollen heute in allen Bereichen wieder etwas zum Angreifen. So ein richtiges Sexheftl in A5, das ist etwas, was man ja heute so nicht mehr bekommen hat. Alles ist ins Internet gewandert. Life-Sex gibt es derzeit auch nicht. Also ist so ein Heft eine gute Alternative. Und eine Ansteckung über Papier ist ja praktisch nicht möglich. Was auch ganz interessant ist: Im Vergleich zu früher können wir mit deutlich höherer Qualität drucken. Dadurch werden auch die Abbildungen viel schärfer. Und durch die spezielle Lackierung kann auch mal ein paar Tropfen Flüssigkeit draufspritzen, ohne dass das Heft kaputt geht.“

„Klingt überzeugend.“, meinte Sklensky.

„Die Herausforderungen sind ganz andere. Erstens müssen die Darstellerinnen und Darsteller zuerst einmal in gemeinsame Quarantäne. Das sind die gar nicht gewöhnt, dass sie miteinander leben oder sogar miteinander reden müssen. Und auch das Drehen ist gar nicht so einfach. Die sind alle dran gewöhnt, für Video zu agieren. Dass man die wieder auf Standbild bekommt, war gar nicht so leicht.“

„Standbild“, lächelte Sklensky, „das könnte man ziemlich missverstehen.“

„Außerdem sind Pornos gesellschaftlich immer noch nicht ganz akzeptiert. Deshalb sind wir einen Kompromiss eingegangen und haben die Auflage nur in der Nachtschicht gedruckt, und nur von den Druckern, die sich freiwillig gemeldet haben.“, erzählte Schlimmer unbeirrt weiter.

„Die Kollegen haben sich wohl darum geprügelt, wer in der Nachtschicht arbeiten durfte.“, meinte Robert Rath. „Na aber sicher“, sagte der Druckereichef, „und sie haben es hier mit der Qualitätskontrolle sehr genau genommen.“ „Da haben Sie anscheinend eine echte Marktlücke gefunden“, meinte Robert Rath.

„Darf ich jetzt bitte den Toten untersuchen“, versuchte Gerichtsmediziner Übel erneut zur Sache zu kommen.

Kurz darauf begann er zu schimpfen: „Mit der blöden Maske ist das gar nicht so leicht.“

„Wir lassen Sie in Ruhe weiterarbeiten“, sagte Sklensky, während Übel sich über die Leiche beugte. „Robert Rath und ich, wir gehen inzwischen zum Mittagessen. Die Lokale haben ja wieder offen. Und ich brauche dringend ein Schnitzel. Meine Nummer haben Sie ja, Übel.“

Endlich wieder Schnitzel

Wenig später beschwerte sich der Betriebsrat Robert Rath beim Schnitzel über die aktuelle Situation: „Ich mein, Hannes, die Kapitalisten glauben, Sie können während der Krise machen, was sie wollen. Ich mein, was die den Leuten der AUA antun, das ist ein Witz. Das kann man den Leuten ja nicht zumuten.“ „Aber ohne Arbeitsplatz wird es auch nicht besser“, versuchte Sklensky zu vermitteln. „In der Druckbranche sind ungefähr alle in Kurzarbeit, außer hier beim Schlimmer. In der Druckbranche gibt es ja derzeit auch keinen Kollektivvertrag,“ sagte Sklensky.

„Aber bezahlt wird hier immer noch gut, weil gute Arbeit ihren Preis wert ist. Wenn du deinen Drucker nicht gut zahlst, ist er schon bei der nächsten Druckerei“, erläuterte Rath.

„Wozu braucht man dann einen Kollektivvertrag“, fragt Sklensky?

Während Rath begann, über die gesellschaftlichen Notwendigkeiten von Kollektivverträgen zu referieren, läutete Sklenskys Mobiltelefon.

„Ich habe was gefunden“, sagt Übel. „Der Drucker ist mit einem stumpfen Gegenstand auf den Hinterkopf erschlagen worden. Das ist ziemlich eindeutig. Und auch nicht besonders außergewöhnlich. Aber bei der Prüfung der Identität sind die Kollegen draufgekommen, dass der Mann in Wirklichkeit in Niederösterreich beschäftigt ist. Nach Angaben der Sozialversicherung ist er derzeit bei der Druckerei Böser angestellt und seit Anfang März in Kurzarbeit. Beim Schlimmer war der aber auch ganz normal angemeldet. Dass der Sozialversicherung das nicht aufgefallen ist?“„Na die haben derzeit andere Sorgen. Aber das mit dem Böser ist doch eine interessante Spur“, sagte Sklensky und verabschiedete sich von Robert Rath, kaum dass der sein Schnitzel aufgegessen hatte.

Harte Zeiten

Wenig später hatte Sklensky den Fall gelöst. Er erkundigte sich bei der Druckerei Böser nach dem toten Drucker. Tatsächlich gab der Eigentümer Viktor Böser nach kurzem Verhör zu, dass der tote Drucker bei ihm beschäftigt gewesen war.

„Irgendwann bin ich draufgekommen, dass der während der Kurzarbeit einfach in Wien für den Schlimmer arbeitet. Der hat einfach das bessere Geschäftsmodell mit seinen Sexheftln, ich bleibe auf meinen Kalendern, Etiketten, Büchern trotz Kurzarbeit sitzen.

Als ich das erfahren habe, bin ich hingefahren und habe ihn zur Rede gestellt. Das kann der doch nicht machen, dass er während der Kurzarbeit woanders druckt. Ein Wort hat das andere ergeben, dann hab ich die Farbwalze genommen, die herumgelegen ist und sie ihm auf den Kopf gehaut. Dann war endlich Frieden. Aber was noch viel schlimmer ist: Warum ist mir das nicht eingefallen mit den Sexhefltn?“

„Geschäftsmodelle fallen eben nicht vom Himmel, Herr Böser“, entgegnete Sklensky. „Aber das strafrechliche Thema ist mal aus meiner Sicht einmal das dringendere: Ich muss Sie jetzt einmal in Untersuchungshaft nehmen, wir nehmen ihre Aussage zu Protokoll, Sie sollten sinnvollerweise Ihren Anwalt informieren.“

Sklensky telefonierte mit den Kollegen vom lokalen Polizeiposten, die kurz darauf Böser festnahmen.

Als er abgeführt wurde, schrie der Druckereichef: „Das ist mir völlig wurscht, dass ihr mich einbuchtets, bei mir gibt es eh nie wieder etwas zu drucken. Nächste Woche muss ich wohl Konkurs anmelden.“

Sklensky rief Rath an und berichtete von der Lösung des Falles. Rath gratulierte und erzählte: „Wir haben schon eine Stellenanzeige rausgegeben wegen dem freien Job bei der Druckerei Schlimmer. Ich hab schon ein paar Bewerbungen. Die arbeitslosen Kollegen sind alle schon ganz wild drauf, dass sie endlich wieder hochwertige Drucksachen drucken können.“

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