Wiener Geflecht, Preview: Ansichten eines Killers

Ansichten eines Killers

(Con fuoco)

8. September, gegen Abend

„Schlecht benommen hat. Eliminiert werden muss“, tönte es in schlechtem Deutsch aus dem Mobiltelefon.

Valeris kantiges Gesicht veränderte sich nicht, als er den Auftrag des Khans zur Kenntnis nahm. Sein schmaler Mund, der niemals ein Lächeln zeigte, blieb geschlossen. Er fuhr sich mit der rechten Hand durch die kurzen schwarzen Haare, dann spannte er den durchtrainierten Körper und sagte knapp: „Wird erledigt.“

Sein makelloses Deutsch, das fast ohne Akzent daherkam, verbarg Valeris Herkunft aus der Ukraine. Mehrere Jahre im bulgarischen Geheimdienst hatten aus ihm einen professionellen Killer gemacht. Er sprach mehrere Sprachen perfekt. Er führte Aufträge aus, die für andere unvorstellbar waren. Er sah sich als absoluten Profi. Trotzdem war sich Valeri sicher, dass er einmal selbst bei einem Auftrag sterben würde. Er nahm diese Möglichkeit sehr bewusst in Kauf. Denn nur dann, wenn er jederzeit mit der Möglichkeit seines eigenen Todes kokettierte, nur dann konnte er zu jeder Zeit professionell agieren.

Er prüfte das Magazin seiner Makarov. Die Pistole hatte ihm seit vielen Jahren gute Dienste geleistet. Manchmal hatte er sogar das Gefühl, dass sie mit ihm sprach. Er verzog den Mund, aber es wurde doch kein Lächeln. Heute würde er wieder töten.

Dann begann Valeri mit der Arbeit. Es war für ihn einfach gewesen, in die Unterwelt von Wien einzudringen: Zwei Schlüssel hatten ihm gereicht. Damit konnte er nun alle abgeschlossenen Türen von allen Wiener U-Bahn-Stationen öffnen. Er konnte durch alle verborgenen U-Bahn-Schächte gehen. In die hatten normalerweise nur Sicherheitskräfte oder das Wartungspersonal Zugang.

Neben den Stationen der Wiener U-Bahn gab es vor allem die teilweise noch aus dem Mittelalter stammenden Gänge, die sich quer durch ganz Wien zogen. Auf diesen bewegte sich Valeri gerne. Manchmal nutzte er auch noch Teile des Wiener Kanalsystems, aber in der Nässe hielt er sich nur im Notfall auf. Er sah sich selbst als professionellen Spezialisten, nicht als einfachen Kanalarbeiter.

Die monatelangen Nachforschungen hier unten hatten sich für ihn schnell bezahlt gemacht. Valeri hatte eine exakte Karte hergestellt, die von Ottakring bis Simmering und von der Leopoldsstadt bis in den 23. Bezirk ging. Er kannte alle Wege durch die Wiener Unterwelt, vom mondänen Donaukanal bis hin zum Wienfluss, der schmutzigen Vene der Stadt. Mittlerweile konnte er völlig unerkannt in einer U-Bahn-Station verschwinden und in einer anderen auftauchen.

Valeri kannte jeden Stationswart der Wiener U-Bahn-Linien beim Vornamen. Melitta, Fritz, Sabine. Er wusste von allen, wann sie ihre Schicht hatten und wann sie ihre Rundgänge machten. Dieses Wissen erlaubte es ihm, dass er sich völlig unbemerkt im Wiener Untergrund bewegen konnte. Es gab mittlerweile sogar einige Sandler und Bettler, die im Untergrund wohnten und die er immer wieder traf. Manche von ihnen grüßte er regelmäßig, wenn man ein einfaches Nicken als Gruß bezeichnen wollte.

Valeri blickte sich um. Der Khan hatte von Khum Vett Hham gesprochen, einem chinesischen Kleinindustriellen, der in einer Wiener Wohnung illegal Dim Sum herstellte.

Khum war zunächst überaus erfolgreich gewesen. Er hatte in industriellem Maßstab Privatwohnungen zu kleinen Teigwarenfabriken ausgebaut. Die Wirtschaftskammer hatte vor Jahren die hygienischen Bedingungen in solchen Produktionsstätten als „abartig“ bezeichnet. Doch Khums Teigtaschen schmeckten deutlich besser als die offiziell gefertigten und sie stellten sich auch in mikrobiologischer Hinsicht als ganz ausgezeichnet dar. Khum hatte sich ein kleines Vermögen verdient und er war dabei immer unter dem Radar der Finanz geblieben. Doch dann hatte er seinen entscheidenden Fehler gemacht und den Khan betrogen.

Valeri stieg bei der U-Bahn-Station Josefstädterstraße aus dem Waggon. Er blickte sich um, ging den Bahnsteig entlang und stieg in den Lift. Mit seinem Wartungsschlüssel konnte er die Ebene unter dem Straßenterrain erreichen, die sonst nur für das Personal zugänglich war. Gleich darauf öffnete er eine Tür im Untergrund und verschwand in einem Gang, der in den sechzehnten Bezirk führte. Wenige Minuten später tauchte er vor einem Hochhaus in der Neulerchenfelder Straße wieder auf.

Im achten Stock läutete er an. Gleich danach schloss er die Türe wieder, nachdem er Khum mit einem einzigen Schuss in den Kopf ermordet hatte.

Wenig später war er wieder im Untergrund. Er nahm erneut den Lift und betrat den Bahnsteig der Station. Die U6 fuhr ein und Valeri verschwand wieder von den Bildschirmen der Überwachungskameras.

Ein frischer Schuss erzeugte immer einen ganz besonderen Geruch, dachte Valeri, während er die Makarov im Schulterhalfter spürte. Es war für ihn völlig normal, Menschen zu töten. Während die U-Bahn-Garnitur mit ein paar Rucken losfuhr, freute er sich, diesen Beruf in Wien ausüben zu können. Hier war das Geflecht an Gängen unter der Stadt so perfekt ausgearbeitet, dass es die Arbeit eines Killers erleichterte. Nur deshalb arbeitete er immer noch in Wien.

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